Pressemitteilung von: Deutsche Kinderhilfe e.V.
2008-10-17 22:31
Wettlauf um mehr Bargeld gegen die „Kinderarmut“ in Deutschland Politik, Recht & Gesellschaft
Pressemitteilung von: Deutsche Kinderhilfe e.V.
Deutsche Kinderhilfe fordert verantwortungsvolle und ehrliche Debatte statt vermeintlicher Klientelpolitik
Nach
dem Paritätischen Wohlfahrtsverband entdeckt nun ein weiterer großer
Wohlfahrtsverband das Thema, das auch eine immer größere Rolle in der
Politik spielt: Kinderarmut. 1,8 Millionen Kinder leben demnach in
Deutschland unterhalb der offiziellen Armutsgrenze und gelten daher als
„arm“. Und das Rezept gegen diese rein finanziell betrachtete Armut ist
auch schon bereit: mehr Geld für die Familien, denn wenn durch erhöhten
Kinderzuschlag, mehr Kindergeld, erhöhte Schulzuschläge und – ganz
wichtig – mindestens um 20 % erhöhte Hartz-IV-Regelsätze noch mehr
Bargeld in den Familien ankommt, ist das Armutsproblem statistisch
gesehen gelöst.
Gleichzeitig
haben Einrichtungen und Projekte wie Archen, Tafeln und Suppenküchen
Hochkonjunktur (auch unter dem Gesichtspunkt des Spendenvolumens) und
belegen neben den dramatisch aufbereiteten Zahlen auch in der täglichen
Arbeit, wie arm viele Familien und damit die Kinder sind.
Die
Deutsche Kinderhilfe fordert ein Ende dieser stark verkürzten und sehr
einseitig auf den Aspekt der finanziellen Ressourcen einer Familie
bezogenen Armutsdebatte. Armut ist in erster Hinsicht Ausschluss von
der gesellschaftlichen und bildungstechnischen Teilhabe. Es muss offen
ausgespro-chen werden, dass in Deutschland eine Unterschicht entstanden
ist, in der Millionen von Kindern, vor allem auch mit
Migrationshintergrund, regelrecht von der Gesellschaft abgehängt
wurden. Hervorgerufen durch die soziale Ausgrenzung und mangelnde
Integration, gibt es eine erhebliche Anzahl von schlichtweg
erzie-hungsunfähigen Eltern in Deutschland. Kinderarmut ist
Familienarmut und darf nicht losgelöst von der De-batte um den Zustand
der Kinder- und Jugendhilfe geführt werden.
Bargeld
ist definitiv der falsche Weg, Familien dazu zu bringen ihre Kinder
entsprechend zu fördern, denn Bargeld stellt keine Erziehungskompetenz
her. Auch kostenlose Mittagessen und sog. "Tafeln" erreichen das
Gegenteil von dem, was Kinder dringend benötigen: Kompetente Eltern,
die in die Lage versetzt werden, ihren Kindern gesunde Mahlzeiten
zuzubereiten. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts sind 15% der
Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren übergewichtig,
über 6% sind bereits als adipös und damit fettsüchtig zu bezeichnen.
Auch diese Kinder, die in unserer Gesellschaft keine Chance haben
werden, leben überwiegend in der Unterschicht und bedürfen anderer
Konzepte als mehr Bargeld für Fast-food. Wir müssen Eltern stärker in
die Verantwortung nehmen und ihnen Kompetenzen vermitteln, anstatt sie
mit Barmitteln in der Hoffnung zu versorgen, dass sie dadurch aus der
Armutsstatistik fallen und es kein Armutsproblem mehr gibt.
Was
Deutschland braucht ist ein mutiger Umbau des derzeitigen Systems, das
auf reine Baralimen-tation setzt, hin zu einem solchen, in dem der
Grundsatz „Fördern und Fordern“ mit klaren Regeln aber auch Sanktionen
vorherrscht. Skandinavische Länder wie Finnland haben vorgemacht, dass
die Einführung von Verbindlichkeiten und auch der Einbehalt von
Transferleistungen nicht zu Lasten der Kinder geht, sondern diese
nachhaltig fördert. Die Förderung des Konsums der Eltern mag
volkswirtschaftlich durchaus Effekte haben, den Kindern wird damit aber
keine Perspektive gegeben. Die Umstellung etwa auf ein Gutscheinsystem
wäre ein mutiger und richtiger Schritt, denn nur Kinder, die dadurch
kostenlos Sport treiben, musizieren oder Sozialkompetenzen erwerben,
haben eine Chance aus der Armut heraus zu kom-men.
Auch
muss die Politik endlich ein familiengerechtes Steuersystem schaffen,
in dem dann nicht mehr auf Windeln und Babynahrung 19 %, auf
Katzenfutter jedoch nur 7 % Mehrwertsteuer zu zahlen sind.
„Kinderarmut,
wie sie von großen Verbänden und Politik dargestellt wird, existiert so
nicht in Deutschland und es drängt sich der Verdacht auf, dass hier ein
Thema „wahlkampfreif“ geschossen werden soll, um bestehende Strukturen
zu stärken und einen mutigen Umbau der Sozialsysteme zu verhindern“, so
RA Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe.
Die
Deutsche Kinderhilfe fordert von der Politik eine grundlegende Reform
der Familienförderung: die Hartz-Reformen haben gezeigt, dass auch
gegen gesellschaftliche Widerstände von Verbänden der Umbau eines
reinen Transfersystems hin zu einem solchen, in dem auch gefordert
wird, möglich ist.
Newsletter Gegen Kinderarmut e.V.
Mitgefühl
„Das Herz gleicht einem Garten. Es kann Mitgefühl oder Angst, Groll oder Liebe wachsen lassen. Was für Keimlinge willst du darin anpflanzen?“
Buddha
