4. Forum "Deutschland für Kinder"
2008-11-06 21:37
Mehr Unterstützung für Kinder und Familien: Das haben verschiedene
Kinderhilfsorganisationen im Vorfeld des 4. Forums "Deutschland für
Kinder" gefordert. In Berlin diskutieren Experten, Politiker,
Pädagogen, Sozialarbeiter, Eltern und Kinder über Perspektiven für eine
familienfreundliche Gesellschaft.
UNICEF, Deutscher
Kinderschutzbund, Deutsches Kinderhilfswerk und das Bündnis für Kinder
rufen mit dem „4. Forum Deutschland für Kinder“ dazu auf, Kinder besser
vor Vernachlässigung zu schützen. Bund, Länder und Gemeinden müssen
mehr tun, damit überforderte Familien rechtzeitig Unterstützung
erhalten. Die Organisationen kritisieren, dass es nach wie vor an
Angeboten zur Förderung von Kindern in schwierigen Lebenslagen und zur
Beratung und Bildung für Eltern mangelt. Trotz der öffentlichen Debatte
über einen „Erziehungsnotstand“ sind Erziehungsberatungsstellen in
Deutschland so schlecht ausgestattet, dass Rat suchende Eltern oft
mehrere Monate warten müssen.
„Verunsicherte Eltern brauchen
frühzeitig Unterstützung. Es ist keine Schande, Rat zu suchen - im
Gegenteil. Wir brauchen grundlegend bessere Rahmenbedingungen für
Familien. Beratung und Bildung für Eltern müssen selbstverständlich
dazu gehören“, sagte UNICEF-Botschafterin Sabine Christiansen. Bei dem
„4. Forum Deutschland für Kinder“ diskutieren heute (Dienstag 21.10.08)
in der Berliner Akademie der Künste Bundesfamilienministerin Ursula von
der Leyen, Professor Dr. Hans Bertram, Humboldt-Universität Berlin,
Professor Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler, FH Köln, sowie Pädagogen,
Sozialarbeiter, Eltern und Kinder über geeignete
Unterstützungsmaßnahmen für überforderte Familien und Perspektiven für
eine familienfreundliche Gesellschaft.
Im Vorfeld des Forums hat
der KI.KA von ARD und ZDF die Kummerkasten-Aktion „Elternzeugnis“
durchgeführt. 8.539 Kinder machten mit und stellten ihren Eltern in 16
„Fächern“ von „Liebe geben“ bis „Kann für mich Vorbild sein“
überwiegend gute Zeugnisse aus. Mütter schnitten mit der
Durchschnittsnote 2,4 besser ab als Väter mit durchschnittlich 2,6. Die
schlechtesten Noten erhielten Eltern beim „Zeit haben“. Väter bekamen
hier im Schnitt nur eine 3, Mütter eine 2,6.
„Eltern sollten
sich kritisch prüfen, ob sie ihren Kindern genug Zeit widmen“, betonte
Hubertus Lauer, Vizepräsident des Deutschen Kinderschutzbundes. „Als
Rezept gegen den Erziehungsnotstand wird häufig ein Elternführerschein
gefordert. Für alles gibt es einen Schein, ein Zeugnis, eine
Qualifizierung - für den Beruf, für Hobbys, fürs Auto - nur für
Kindererziehung nicht. Doch eine Prüfung allein hilft den Kindern
nicht. Was sie vor allem brauchen, ist Zuwendung.“
„Kinder sind
unsere Zukunft. Wir dürfen es nicht zulassen, dass Mädchen und Jungen
aus sozial benachteiligten Familien ihre Zukunft ausschließlich als
Bezieher von Hartz IV sehen“, so Thomas Krüger, Präsident des Deutschen
Kinderhilfswerks.
Benachteiligte Familien werden allein gelassen
Vor
allem Familien mit einem geringen Einkommen sind auf eine gute
Infrastruktur für Kinder angewiesen. Die Ergebnisse empirischer
Untersuchungen weisen zudem darauf hin, dass frühe Förderung sich
insbesondere für Kinder aus benachteiligten Familien positiv auswirkt.
Doch in Westdeutschland gibt es nur für rund sechs Prozent der unter
Dreijährigen Betreuungsplätze. Zwar hat die Bundesregierung das Ziel,
bis 2013 für 30 Prozent der unter Dreijährigen Plätze in
Kindertagestätten aufzubauen. Doch in vielen Bereichen gibt es kaum
Fortschritte, vielerorts sparen Kommunen und Länder zu Lasten der
Familien:
* Die Finanzierung der Erziehungs-Beratungsstellen ist
in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt zurückgefahren worden.
Die Wartezeiten in Erziehungsberatungsstellen liegen bei zwei bis sechs
Monaten. In einer Großstadt wie Köln muss eine Beratungsstelle 18.000,-
Euro mehr jährlich durch Spenden einwerben als noch vor drei Jahren.
*
Viele Modellprojekte wurden längst erfolgreich erprobt, aber die
flächendeckende Umsetzung bleibt aus. So wird z.B. in Niedersachsen nur
in jeder zweiten Kommune eine Familienhebamme finanziert.
An den Rand gedrängt - Kinder, die in Armut aufwachsen
Armut,
Arbeitslosigkeit und mangelnde Perspektiven der Eltern verstärken die
Gefahr für Kinder vernachlässigt aufzuwachsen. Rund 2,5 Millionen
Kinder unter 18 Jahren leben in Familien, deren Einkommen höchstens auf
Hartz IV Niveau liegt. Kinder sind damit deutlich häufiger von Armut
betroffen als Erwachsene. In Ein-Eltern-Familien wachsen sogar 35 bis
40 Prozent der Kinder in relativer Armut (Familieneinkommen unter 60
Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens) auf. In Haushalten ohne
einen erwerbstätigen Elternteil leben 72 Prozent der Kinder unter der
Armutsgrenze. Armut bedeutet für Kinder nicht nur einen Mangel an
materiellen Gütern. Viele leiden unter beengten Wohnverhältnissen. Vor
allem aber haben arme Kinder häufiger als ihre Altersgenossen
gesundheitliche Probleme wie Übergewicht und psychische Störungen - oft
eine folge mangelnder Zuwendung. Viele verlassen die Schule ohne
Abschluss, weil sie weder in der Schule noch im Elternhaus ausreichend
gefördert werden. Ohnehin werden Kinder aus bildungsfernen Familien im
deutschen Schulsystem deutlich benachteiligt. Internationale
UNICEF-Vergleichstudien zeigen, dass in Deutschland mehr als in fast
allen anderen Industrieländern die Bildungschancen der Kinder von der
Situation in ihrem Elternhaus abhängen.
Schutz vor Vernachlässigung - was getan werden muss:
Damit
Kinder aus benachteiligten Familien gerechte Chancen auf eine bessere
Zukunft erhalten, brauchen Kinder und Eltern gezielte Unterstützung.
Dabei gilt: Je früher die Hilfe einsetzt, desto kostengünstiger und
wirksamer ist sie. Spät einsetzende Unterstützung ist teurer und oft
weniger erfolgreich für Kinder und Familien.
* Für die frühe
Prävention muss flächendeckend ein niedrigschwelliges Beratungsangebot
aufgebaut werden. Mütter-Cafés, Kinderkrippen, Kindertagesstätten und
Schulen sollten selbstverständlich Eltern mit einbeziehen, ihnen
Gespräche und Beratung anbieten.
* Elternkurse,
Elterngesprächskreise sowie Elternberatung müssen ein
selbstverständlicher Teil der Elternarbeit in jeder Einrichtung und
Schule sein.
* Lehrer/innen und Erzieher/innen müssen aus- oder
fortgebildet werden, damit sie für familiäre Probleme sensibilisiert
sind und Beratungsgespräche führen können.
* Weiterführende
Beratungsangebote wie Schulsozialarbeit und spezialisierte Fachberatung
müssen ausreichend zur Verfügung stehen. Dazu müssen Länder und
Kommunen mehr Mittel für qualifiziertes Personal zur Verfügung stellen.
Newsletter Gegen Kinderarmut e.V.
Mitgefühl
„Das Herz gleicht einem Garten. Es kann Mitgefühl oder Angst, Groll oder Liebe wachsen lassen. Was für Keimlinge willst du darin anpflanzen?“
Buddha
